Linz 2009 – Kulturhauptstadt Europas

In dem vorliegenden Forschungsbericht sind die Ergebnisse der Lehrveranstaltungen “Kurs Projektmanagement” und “Intensivierungskurs Projektbegleitung” zusammen gefasst, die im Wintersemester 2007/08 am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz abgehalten wurden.

Laufzeit: 10/2007 – 02/2008

Der inhaltliche und forschungsthematische Bezugsrahmen der Lehrveranstaltung spannt sich um das Thema Linz als Europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2009. Die Idee, die Europäische Union nicht nur auf ökonomischer und politischer Ebene zu vereinen, spielt nicht erst seit der angestrebten Wandlung der Europäischen Union zu einer so genannten “Wertegemeinschaft” eine zentrale Rolle. Bei diesen Integrationsbestrebungen wird und wurde der Kultur eine bedeutende Rolle zugeschrieben. Bereits 1983 rief die ehemalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri bei einem inoffiziellen Treffen der europäischen KulturministerInnen eine Initiative ins Leben, die der europäischen Kultur und der Stadt als Kulturträger einen zentralen Standpunkt in der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft verschaffen sollte. Daraus entstand in der Folge das Programm der “Europäischen Kulturhauptstädte” welches 1985 vom EG-Ministerrat realisiert wurde.

Aufgrund des wachsenden Interesses an dem Projekt kam es während der letzten 20 Jahre zu laufenden Adaptierungen und Erweiterung des Programms. Neben einigen “formalen” Adaptierungen wandelten sich im Laufe der Zeit auch die Ansprüche an eine “Europäische Kulturhauptstadt” maßgeblich. Aus einem europäischen Kulturfest ist ein institutionelles Spektakel mit erheblichem finanziellem Aufwand geworden. Die wachsende Bedeutung des Städtetourismus und des Kulturtourismus verändert die Kulturhauptstadt in manchen Fällen vorrangig in eine “Wirtschaftshauptstadt”. Bei den ersten Städten wie Athen, Paris oder Florenz stand die Darstellung der eigenen Kultur im Mittelpunkt – und das nur für ein paar Monate. Spätestens seit “Glasgow 1990” dient der Titel auch als ein Instrument für Stadterneuerung, Imagewandel und Etablierung auf der europäischen Kulturlandkarte.

Vor allem seit Mitte der 1970er-Jahre versucht die Stadt Linz, sich zusätzlich als Kulturstadt zu positionieren. Als entscheidende Größen für den Imagewandel gelten etwa das 1974 eröffnete Brucknerhaus, das Brucknerfest, das Festival Ars Electronica und die Linzer Klangwolke (ab 1979) als international hoch angesehene Festivals, die das kulturelle Bild von Linz seit vielen Jahren prägen, oder die Initiativen der Freien Szene, die ebenfalls seit Ende der 1970er-Jahre eine starke Präsenz in der Stadt zeigen. In den letzten Jahren wurde verstärkt versucht, die Positionierung als Kulturstadt auf eine neue Ebene zu hieven. Als Indizien hierfür können das Europäische Kulturmonat 1998, der im Jahr 2000 beschlossene Kulturentwicklungsplan Linz sowie die Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009 gelten. Besonders mit dem Kulturentwicklungsplan hat Linz einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung von der Industrie- hin zur Industrie- und Kulturstadt gelegt. Die inhaltlichen und strukturellen Herausforderungen, die sich seit dem Jahr 2000 und im Kontext der Kulturhauptstadt 2009 zwangsläufig ergeben, erzwingen aber eine Verfeinerung, Adaptierung und Erweiterung der festgeschrieben Schwerpunkte der Kulturentwicklung.

Bereits zum jetzigen Zeitpunkt können verschiedenste Stimmungsbilder und Erwartungen an das Kulturhauptstadtjahr festgemacht werden. Diese betreffen in erster Linie politische wie kuratorische EntscheidungsträgerInnen, die lokalen Kunst- und Kulturschaffenden sowie die Linzer Bevölkerung als potenzielles Publikum.

Diese Erwartungen und Stimmungsbilder wurden von Studierenden der Johannes Kepler Universität Linz in der vorliegenden Arbeit differenziert betrachtet und weisen eine große Bandbreite auf. Sie reichen von konkreten Veranstaltungswünschen über Zuschreibungen wie “Kultur als Wirtschafts-, Standort- und Imagefaktor”, einer Kulturförderung im Sinne von ökonomischer Umwegrentabilität bis hin zur Abwägung von Chancen und Risiken eines derartigen kulturellen Großereignisses für die lokalen Kunst- und Kulturschaffenden oder zum kulturpolitischen Slogan eines “Kultur für alle”. Bei Betrachtung der verschiedenen Einwürfe in die aktuelle Diskussion über das Kulturhauptstadtjahr 2009, zeigen sich die vielfältigen Erwartungshaltungen an dieses kulturelle Großereignis: das Publikum will ein Angebot mit einer entsprechenden künstlerischen wie kulturellen Vielfalt, die PolitikerInnen wollen ein zufriedenes Publikum, Prestigegewinn und vor allem gute Wahlergebnisse, Kunst- und Kulturschaffende wollen eingebunden werden, Projekte realisieren, aber auch sozial abgesichert mit Perspektiven arbeiten und leben, die Intendanz will ein qualitativ hochwertiges Ausnahmeereignis von europäischem Format. Im Zeitalter einer zunehmenden Eventorientierung tauchen zudem in verschie-densten Konstellationen Fragen nach Nachhaltigkeit auf, denen von den Studierenden nachgegangen wurde.

Sie richteten dabei im Zuge der Lehrveranstaltung den Fokus auf fünf ausgewählte Themenkomplexe und analysierten diese exemplarisch aus verschiedenen Blickwinkeln. Dazu wurden fünf Themengruppen gebildet, die sich u. a mit allgemeinen Zielsetzungen und Konzepten zu Europäischer Kulturhauptstädten, mit Entwicklungslinien und Perspektiven von Linz hin zu einer Kultur(haupt)stadt, sowie mit Fragen der Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit der Linzer Bevölkerung, den Kunst- und Kulturschaffenden und den EntscheidungsträgerInnen auseinander setzten.

Neben dieser inhaltlichen Auseinandersetzung wurden in der Lehrveranstaltung besondere Schwerpunkte in der Vermittlung von Forschungsmethoden und Projektmanagementfähigkeiten sowie bei der begleitenden Öffentlichkeitsarbeit (Interview im Freien Radio, Presseaussendungen an lokale Tageszeitungen, Beiträge für Fachzeitungen und -zeitschriften, …) gesetzt. Die Ergebnisse der Lehrveranstaltung wurden im vorliegenden Forschungsbericht zusammengefasst.

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